Kunst ist kein Spiel. Oder doch? - Kita kinderzimmer Hamburg

Kunst ist kein Spiel. Oder doch?

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Text: Catharina König | Fotos: Sonja Tobias

Der Alltag – und die kreative Auseinandersetzung damit – hat schon viele Künstler inspiriert. Begeben Sie sich mit Ihren Kindern doch mal auf den umgekehrten Weg: Nehmen Sie die Werke bekannter zeitgenössischer Künstler als Vorlage und Inspiration und stellen Sie diese mit Ihren Kindern nach.

Vor dem Hintergrund der Überlegung, dass Kunst die beste Form der Imitation der Natur und des Alltags ist und sich der Alltag mit Kindern wiederum oft chaotisch gestaltet, ist es da nicht logisch, mit Kindern Kunst zu imitieren? Gut, es müssen ja nicht fünf Kilogramm deutsche Markenbutter in der Zimmerecke sein, um eine Fettecke à la Joseph Beuys nachzubilden. Auch wenn die Kinder zugegebenermaßen wohl einen Riesenspaß daran hätten. Und, jaja, mit Essen spielt man nicht, aber manchmal kann es einfach nicht schaden, über die Stränge zu schlagen. Sie müssten ja nicht gleich mit Ihren Kindern ein paar gekochte Spaghetti ans Fenster werfen und anschließend überlegen, was die Nudelformen so zeigen – es gibt auch andere Kunstwerke auf dem Teller (übrigens: Wenn die Nudeln am Fenster kleben bleiben, sind sie al dente)!

Auch wenn sich viele nun fragen werden: Was – das soll Kunst sein? Der Mann da mit dem Eimer auf dem Kopf? Oder die zwei, die sich da zusammen in einen Pulli quetschen? Das ist doch nichts Besonderes – das machen die Kids ständig. Aber darum geht es in der Kunst auch: den Alltag mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und scheinbar gewöhnliche Situationen in einem anderen Licht zu sehen. So lautet auch eine Textzeile im Video der Red Hot Chili Peppers: „This life is more than ordinary“, frei übersetzt: Dieses Leben ist mehr als gewöhnlich. Aus vollem Herzen Quatsch machen und die Albernheit zulassen. Denn Kunst muss nicht immer bierernst sein. Auch so entfaltet sich Kreativität: betrachten, lachen, nachahmen und daraus neue Erkenntnisse gewinnen.

Wurms Kunst ist prädestiniert, sie gemeinsam – auch schon mit kleinen Kindern – nachzustellen. Suchen Sie sich zum Beispiel alle Eimer und Töpfe zusammen, die Sie finden können, und stellen Sie je einen Fuß in einen Eimer. Dann stecken Sie je eine Hand in einen Eimer. Zum Schluss kommt ein Eimer oder eine bruchsichere Schüssel über den Kopf. Fertig ist die One Minute Sculpture. Manche werden sich fragen: und warum das? Die Antwort lautet schlicht: warum nicht? Sie haben nichts zu verlieren außer einer Minute Spaß und einer schönen Erinnerung, wenn sie die Kinderperformancekunst auch noch in einem Foto festhalten.

Aber so richtig Kunst mit Kindern machen? Ist das überhaupt möglich? Und wie geht man das an? Erst- und Zweitklässler aus Bubenreuth, dem Heimatort des deutschen Starfotografen Juergen Teller, haben im Rahmen eines Kunstprojekts einige seiner Bilder im Unterricht nachgestellt wie etwa das Bild von Victoria Beckham, die in einer Papiereinkaufstüte hockt. Daher lud Tellers Mutter, ebenfalls in Bubenreuth wohnhaft, die Kinder zu sich ein – und Fotograf Teller kam dazu. Er ging mit den Kindern in den Wald, um eine Fotosession zu machen. So wurden die Kleinen sogar selbst Objekte und Macher der Kunst, die sie zuvor nur betrachtet und analysiert hatten.

Sie werden sich fragen: Das soll Kunst sein? Die Antwort könnte lauten: Ist das wichtig?

In der Hamburger Kunsthalle wiederum findet sich ein großes Bild, das aus vielen bunten Quadraten besteht. Wenn das mal nicht auch zu Hause geht! Lassen Sie Ihr Kind aus Tonkarton oder Origamipapier die Lieblingsfarben heraussuchen, schneiden Sie dreißig gleich große Quadrate heraus und ordnen diese in fünf Spalten und sechs Zeilen auf einem großen Stück weißen Tonkarton an. Fertig ist die bunte Kunst! Und einen verregneten Sonntag hat man so auch wunderbar genutzt. Kinder zu animieren, die Werke teils verrückter Künstler nachzubilden, schult das Auge und die Kreativität. Indem man die Kinder einbezieht in den Prozess des Kunstschaffens, gibt man ihnen die Möglichkeit, für eine Herausforderung selbst eine Lösung zu finden. Wie zum Beispiel: Wie passen zwei Menschen in einen Pulli?

Wenn Sie mit Ihrem Kind also mal wieder in eine Kunsthalle gehen und Ihr Kind beim Betrachten eines impressionistischen Gemäldes behauptet, das könne doch jeder, reichen Sie dem Kind zu Hause Fingerfarbe und lassen Sie dem kreativen Prozess einfach freien Lauf.

Gut, nun hat nicht jede Schülergruppe die Chance, mit Juergen Teller oder einem anderen zeitgenössischen Künstler zusammenzuarbeiten. Aber was der Starfotograf mit den Kindern umgesetzt hat, kann man auch zu Hause ausprobieren. Das schafft ein lustiges Erlebnis und stärkt die Selbstwirksamkeit. Auch der Künstler Erwin Wurm lässt Besucher seiner Kunstausstellungen zum Objekt ästhetischer Erfahrung werden. Indem er die Zuschauer bittet, sich einen Eimer auf den Kopf zu setzen oder die Arme durch einen Stuhl zu fädeln, macht er sie zu Teilnehmern seiner Ausstellung und lässt Kunst lebendig werden. Die „One Minute Sculptures“ (Eine-Minute-Skulpturen) haben sogar die US-amerikanische Band Red Hot Chili Peppers inspiriert. Sie imitierten seine Kunst und inszenierten das Musikvideo zu „Can’t Stop“ im Stil von Wurms Performancekunst. Frei nach Oscar Wilde – „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung“ – war die Aktion der Rockband also eine Verneigung vor Wurms Kunst.