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Das Tablet ist kein Babysitter.

  • Circa 7 Minuten Lesezeit
2 Kinder spielen mit einem Edurino Tablet und Edurino Stift

Foto: Helena Heilig

Zwischen Verboten und Apps ohne Ende suchen viele Eltern nach Orientierung. Expertin Irene Klemm entwickelt seit Jahren digitale Lernangebote für Kinder und erklärt im Gespräch, worauf es ankommt.

Porträt von Edurino Gründerin Irene Klemm

Foto: Helena Heilig

Du entwickelst eine Lern-App für Kinder. Was hat dich dazu motiviert, dich so intensiv mit digitalem Lernen zu beschäftigen?

Für mich war von Anfang an klar: Die Frage ist nicht, ob Kinder mit digitalen Medien groß werden, denn das tun sie längst, sondern was ihnen dort begegnet. Wenn ich mir anschaue, dass es zehntausende Kinder-Apps gibt, aber nur ein Bruchteil davon wirklich pädagogisch gedacht ist, dann ist das eine riesige Lücke. Meine Mitgründerin Franziska und ich wollten etwas bauen, das echten Wert für Familien schafft und kein weiteres digitales Spielzeug ist, das Kinder vor allem beschäftigt. Mich faszinieren Möglichkeiten, die wir mit digitalen Produkten für Kinder haben, wie zum Beispiel Personalisierung und spielerische Aspekte.

Der Titel unseres Gesprächs lautet „Das Tablet als Werkzeug, nicht als Babysitter“. Was bedeutet dieser Satz für dich?

Ein Tablet ist erst einmal ein Werkzeug wie ein Stift, ein Buch, oder eine Schere. Sein Wert entsteht nicht durch das Gerät selbst, sondern durch das, was man damit macht. „Babysitter“ würde für mich bedeuten: Ich gebe das Gerät in die Hand, damit Ruhe ist. „Werkzeug“ heißt: Es gibt einen Sinn, eine klare Grenze, und im besten Fall führt es das Kind wieder zurück in die Welt. Es malt danach, baut etwas, erzählt davon.

Das Tablet sollte eine Brücke in eine Aktivität sein und das Kind aktiv begleiten. Warum wird das Tablet unter Eltern oft so kontrovers diskutiert?

Weil Eltern zwischen zwei Ängsten stehen. Und beide sind berechtigt. Die eine: Ich schade meinem Kind, mache es passiv oder „abhängig“. Die andere: Ich hänge mein Kind ab, wenn ich digitale Kompetenz ganz aussperre. Dazu kommt jede Woche ein neuer, oft widersprüchlicher Ratschlag. Was die Debatte zusätzlich erschwert: Wir reden über „Bildschirmzeit“, als wäre das eine einzige Sache. Aber eine halbe Stunde gemeinsames Gestalten mit einem Tablet ist etwas völlig anderes als eine halbe Stunde Autoplay-Videos. Im Kern geht es um ein Gefühl von Kontrollverlust und um fehlende Orientierung. Da hilft kein Urteil, sondern bessere Optionen.

Ab welchem Alter kann ein Tablet aus deiner Sicht sinnvoll eingesetzt werden?

Ehrlich gesagt ist „ab welchem Alter“ fast die falsche Frage, denn das Wie ist entscheidender als die Zahl. Für die ganz Kleinen, unter drei, kommt die analoge Welt zuerst: echte Beziehung, Bewegung, Sprache, Greifen und Begreifen. Da bringt ein Bildschirm kaum etwas. Ab etwa drei, vier Jahren, also im Vorschulalter, können kurze, begleitete Einheiten mit wirklich gutem Inhalt sinnvoll sein. Wir bei Edurino gestalten bewusst für diese Altersgruppe und denken die Begrenzung von vornherein mit. Aber noch einmal: Alter ist ein Anhaltspunkt, kein Freifahrtschein. Qualität, Dauer und Begleitung sind wichtiger als jede Jahreszahl.

Wann ist ein Tablet für Kinder wirklich ein sinnvolles Werkzeug?

Wenn vier Dinge zusammenkommen: Der Inhalt ist altersgerecht und pädagogisch durchdacht. Die Nutzung ist zeitlich begrenzt und hat einen klaren Anfang und ein klares Ende. Sie ist eingebettet in die Welt des Kindes – das Digitale knüpft ans Analoge an. Sie ist eingebettet in die Welt des Kindes, also: das Digitale knüpft ans Analoge an. Und idealerweise begleitet jemand das Ganze oder weiß zumindest, was gerade passiert. Kurz: Ein Tablet ist dann sinnvoll, wenn es etwas anstößt, also Neugier, eine Fähigkeit, Kreativität, statt nur zu beschäftigen. Bei uns haben wir deshalb von Anfang an bewusst auf Autoplay und Belohnungsschleifen verzichtet. Stattdessen übernehmen die haptische Figur und der ergonomische Stift diese Brückenfunktion: Das Kind hält etwas Reales in der Hand, lernt aktiv – und legt das Tablet danach leichter wieder weg.

Welche Fähigkeiten oder Kompetenzen können Kinder deiner Erfahrung nach durch digitale Medien tatsächlich lernen?

Eine ganze Menge, wenn die Inhalte gut sind. Erste Buchstaben und Laute, ein Gefühl für Zahlen und Mengen, Feinmotorik, wenn ein richtiger Stift im Spiel ist, Problemlösen, erste spielerische Schritte in logischem Denken. Und etwas, das mir besonders am Herzen liegt: Selbstwirksamkeit, dieses „Ich kann das selbst!“. Dazu kommt die Medienkompetenz an sich: Den Umgang mit digitalen Medien lernt man nicht, indem man sie wegsperrt, sondern indem man sie begleitet erlebt. Wir evaluieren die Lernwirkung fortlaufend wissenschaftlich, unter anderem mit einem Lehrstuhl der LMU München und der University of Cambridge, und sehen messbare Effekte besonders bei Feinmotorik und früher Lese- und Rechenkompetenz – zum Beispiel konnten Kinder, die Edurino regelmäßig nutzten, nach nur 4 Wochen Nutzung ihre Fähigkeit, Buchstaben zu benennen, um 21 % verbessern.

Wo siehst du die Grenze zwischen einer hilfreichen Nutzung und einem „digitalen Babysitter“? Gibt es konkrete Warnsignale, an denen Eltern erkennen können, dass das Tablet im Familienalltag zu viel Raum einnimmt?

Hilfreich ist Nutzung, die aktiv stattfindet, die zurück ins Spiel und in die Beziehung führt, und nach der das Kind ohne großes Drama wieder aufhören kann. Warnsignale sind weniger die Minuten als die Muster: wenn jedes Beenden zum Machtkampf wird, wenn das Tablet andere Dinge ersetzt statt sie zu ergänzen: Bewegung, Freunde, freies Spiel; wenn es zum StandardWerkzeug gegen jede Langeweile und jedes unangenehme Gefühl wird, oder wenn der Schlaf leidet. Das sind keine Schuldzuweisungen, sondern Hinweise zum Nachjustieren.

„Kinder kopieren uns. Wenn wir ständig am eigenen Handy hängen, ist das die lauteste Botschaft im Raum.“

Welche Fehler beobachtest du bei Eltern besonders häufig, wenn es um Tablets und Kinder geht?

Der häufigste: nur auf die Zeit zu schauen und nicht auf den Inhalt. Zwanzig Minuten sind nicht gleich zwanzig Minuten. Dann die beiden Extreme, entweder komplettes Verbot oder komplettes Laufenlassen; beides nimmt dem Kind die Chance, einen guten Umgang zu lernen. Und schließlich unterschätzen viele die eigene Vorbildrolle: Kinder kopieren uns. Wenn wir ständig am eigenen Handy hängen, ist das die lauteste Botschaft im Raum. Mir ist selbst sehr bewusst, wie schwer das manchmal ist – bin selbst Mutter und kenne die Realität im Alltag. Was unterscheidet eine gute Lern-App von einer schlechten?

Welche Merkmale sollten Eltern bei der Auswahl beachten?

Folgende Kriterien können bei der Auswahl helfen:

Diese Informationen sollten transparent von einer LernApp kommuniziert werden. Wenn man danach auswählt, sortiert sich erstaunlich viel von allein.

Bei der Entwicklung deiner eigenen Lern-App: Welche pädagogischen Grundsätze waren dir besonders wichtig?

Der wichtigste: vom Kind aus denken. Daraus folgt fast alles andere: die Verbindung von Haptik und Digitalem, weil kleine Kinder mit Händen lernen und nicht nur mit den Augen; Sicherheit als Grundbedingung, nicht als Feature; intrinsische Motivation statt Belohnungsschleifen; und die fortlaufende wissenschaftliche Begleitung, damit wir wissen, was wirkt. Und ganz zentral: Das Produkt soll das Kind wieder zurück in die echte Welt führen.

„Gemeinsam statt allein. Begleitet, fragt nach, lasst euch zeigen und verbindet das Digitale mit der echten Welt.“

Wenn du Eltern zum Abschluss drei konkrete Empfehlungen für einen gesunden Umgang mit Tablets geben könntest – welche wären das?

Inhalt vor Zeit. Schaut zuerst auf das Was, nicht nur auf die Minuten: werbefrei, pädagogisch durchdacht, mit klarem Anfang und Ende. Gemeinsam statt allein. Begleitet, fragt nach, lasst euch zeigen und verbindet das Digitale mit der echten Welt. Klare Rituale und ein gutes Vorbild. Verlässliche, ruhige Regeln statt täglicher Verhandlungen.

Welche konkreten Tipps hast du für Fachkräfte, die in der Kita mit dem Thema digitale Medien starten möchten?

Erstens: Ihr müsst keine Technik-Profis sein. Digitale Medienbildung ist eine Querschnittsaufgabe. Ihr könnt sie in das einbauen, was ihr ohnehin tut, etwa ein kleines Fotoprojekt, Geräusche aufnehmen, gemeinsam etwas nachschlagen. Zweitens: Kinder als Gestalter:innen denken, nicht als Konsument:innen: selbst fotografieren, einen kleinen Trickfilm machen. Das ist das Herz des neuen Bildungsbereichs. Drittens: lieber wenige, hochwertige, werbefreie Werkzeuge als viele. Viertens: in kleinen Gruppen begleiten und dabei laut denken: warum tun wir das, was lernen wir gerade? Fünftens: die Eltern mitnehmen; Transparenz darüber, was und warum ihr etwas macht, schafft Vertrauen. Und schließlich: Erlaubt euch, mit den Kindern zu lernen. Eure eigene Neugier ist das beste Vorbild – die Bildungsleitlinien geben dafür den Rahmen, keine Checkliste.

Wir übersetzen graue Theorie in bunte Praxis 

Kinder haben 1.000 Fragen. Eltern auch. Darum haben wir das kiziPendium entwickelt: Unser Nachwuchs-Nachschlagewerk für alle Eltern und Pädagog:innen. Wie begreifen wir Pädagogik? Was möchten wir vermitteln und wie stellen wir das an? Auf all diese Fragen weiß unser kiziPendium eine Antwort.

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