Wozu ein Schnuffeltuch? - Kita kinderzimmer Hamburg

Wozu ein Schnuffeltuch?

  • Circa 4 Minuten Lesezeit

Glück ist eine wärmende Decke.

Text: Sabine Cole | Foto: Sonja Tobias

Eine Liebeserklärung an den großen stofflichen Beschützer und Einschlafbeschleuniger unserer Kinder: das Schnuffeltuch.

Das berühmteste Schnuffeltuch der Welt gehört Linus van Pelt. Linus ist der zweitbeste Freund von Charlie Brown, dem melancholischen Tropf, der uns dank seines Schöpfers Charles M. Schulz seit über sechzig Jahren die Widersprüche des Lebens vorführt. Linus ist der emotional reifste Junge in der als „Die Peanuts“ berühmten Gruppe amerikanischer Vorschulkinder. Die Kombination aus Schlauheit und Unsicherheit, die das ständige Mitführen eines Schnuffeltuchs symbolisiert, macht Linus so unwiderstehlich liebenswert. Auf Englisch heißt das himmelblaue Objekt übrigens „security blanket“. Die Übersetzung „Schnuffeltuch“ oder „Schmusedecke“ ist entsprechend ungenügend.

Eine „security blanket“ ist mehr als ein Tuch zum Kuscheln. Es ist ein Sicherheitstuch, also ein Tuch, das Sicherheit gibt. Die meisten Babys greifen sich, sobald das Händchen zu dieser Bewegung in der Lage ist, einen Lappen, ein Tuch, eine Decke, ein Taschentuch oder den Zipfel eines Kissens, um es für einige Jahre nicht mehr loszulassen. Vor allem nicht in Not- oder Stresssituationen. Mama geht auf Toilette und macht die Türe zu? Herrje, Schnuffeltuch. Es ist dunkel im Kinderbett? Gott sei Dank, das Schnuffeltuch. Mittagsschlaf in der Kita. Das Geschwisterchen brüllt. Papa kocht. Oma kommt. Ein anderes Kind zu Besuch. Eine Katze, ein Hund. Schnuffeltuch. Müdigkeit, Angst, was zu verpassen, Kinderarzt… Schnuuuuffffeeeeltuch!

Ein Schnuffeltuch hat zahlreiche Funktionen. Linus van Pelts „security blanket“ kann sich sogar verwandeln. In eine Peitsche, ein Seil, ein Superhelden-Cape, einen Hammer oder einen Geist zum Erschrecken schrecklicher Schwestern. Ein reales Schnuffeltuch kann vor allem aber auch das sein, was es ganz am Anfang, vor seiner Umwidmung, einmal war. Ein Halstuch oder eine Decke. Und damit ist es das perfekte Camouflage-Objekt, wenn Kinder entdecken, dass die Benutzung eines Schnuffeltuchs Unsicherheit offenbart. „Glück ist eine wärmende Decke, Charlie Brown!“, weiß der schlaue Linus seinem Freund die Bedeutung seines stofflichen Dauerbegleiters zu erklären. Die Psychologen drücken es nicht ganz so poetisch aus. Sie bezeichnen Schnuffeltücher oder Schmusetiere, all die heiß geliebten Begleiter, als „Übergangsobjekte“. Sie sollen helfen auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Den Begriff Übergangsobjekt haben wir dem englischen Psychiater und Kinderarzt Donald Woods Winnicott zu verdanken. Er gilt als bedeutender Wegbereiter der Kinderpsychotherapie.

Nach seiner Theorie, die sich auf mehr als 60.000 beobachtete Kinder stützt, empfindet sich ein Baby in den ersten Monaten des Lebens als Teil der Mutter und die Mutter als Teil von sich selbst. Mit der wachsenden Erkenntnis, auch ohne die Mutter zu existieren, benötigen Babys Übergangsobjekte, die sowohl zu sich selbst als auch zur Mutter gehören. Das Baby benutzt das Objekt, um sich in dem Moment zu trösten, den es allein verbringt. Das Übergangsobjekt hilft dem Kind, die Abwesenheit der Bezugsperson zu akzeptieren, es vermittelt Geborgenheit und Sicherheit. Das Schnuffeltuch ist ein Sicherheitstuch.

Mittlerweile weiß man, dass das Übergangsobjekt auch im Beisein der Mutter in Situationen der Unsicherheit und Ängstlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Ob das Objekt der Liebe ein schickes Halstuch aus Biobaumwolle ist oder ein Werbegeschenkbrillentuch, steht nicht in der Macht der Eltern. Austauschen gilt nicht! Das Kind hat seine Entscheidung aus Gründen getroffen, die es zu akzeptieren gilt. Und auch wenn das Schnuffeltuch abgegrabbelt, grau und fadenscheinig ist, waschen gilt höchstens im hygienischen Notfall. Und dann am besten im Geheimen, also über Nacht. Das Waschen bedeutet nämlich nicht nur eine zeitweilige Trennung von Kind und Übergangsobjekt, sondern auch eine Veränderung von Geruch und taktilem Zustand. Der kostbare Eigen- oder Mamageruch geht verloren, was bleibt, ist Waschmittel-Odeur. Und der maximal weichgeknuddelte Stoff ist plötzlich steif vor Frische. O Graus!

Glück ist eine warme, nach Mamas Haut, Papas Rasierwasser, den eigenen Wangen riechende, unendlich weiche Decke. Oder ein platt gelegener, grauer, verfilzter, einohriger Teddy. Oder ein löchriges, undefinierbar verfärbtes T- Shirt. Also Finger weg, Mama. Das Schnuffeltuch gehört aus Sicherheitsgründen mir!

Der Sohn der Autorin dieser Zeilen ist vierzehn. Er hat zwei Baumwollschals, die er seiner Mutter im Alter von sechs Monaten entwendet hat, immer noch auf seinem Kissen liegen. Wenn es ihm schlecht geht, retten ihn die „Schnuffs“, trotz seines (ihres) hohen Alters. Sie sind mehr Löcher als Schal, sie werden vor dem Einschlafen gelüftet, weil es schön ist, wenn sie ein bisschen kühl sind, und dann zu einem Haufen geknuddelt, der unter der Wange liegend zu sofortiger Müdigkeit führt. Ein Glück, dass es sie gibt.